Skip to main navigation Skip to main content Skip to page footer

Ein Rückblick auf die Podiumsdiskussion „Wiedervereinigung als Prozess: Gespräch über Deutschland und Korea im gesellschaftlichen Wandel“

Deutschland und Korea im Dialog über Einheit

Die Jangdaehyun-Schule im südkoreanischen Busan begleitet junge Menschen aus Familien aus Nordkorea mit Fluchtgeschichte auf ihrem Bildungs- und Lebensweg. Jedes Jahr organisiert sie für ausgewählte Schüler:innen eine Reise nach Deutschland. In diesem Jahr besuchte die kleine Delegation das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle (Saale).

Am Abend nahm der Rektor der Jangdaehyun-Schule, Professor Dr. Lim Changho, an der Podiumsdiskussion „Wiedervereinigung als Prozess: Gespräch über Deutschland und Korea im gesellschaftlichen Wandel“ teil. Auf der kleinen Bühne in Café Koffij begrüßte Moderatorin Andrea Wieloch auch Prof. Dr. Gottfried Konzendorf, langjähriges Mitglied des Deutsch-Koreanischen Konsultationsgremiums, und Prof. Dr. Yong-Seun Chang-Gusko, Vorstandsmitglied der Korea Stiftung, die sich ebenso für eine koreanische Wiedervereinigung engagieren. 

Dass dieser Prozess – sollte er eines Tages gelingen – nach inzwischen 73 Jahren Teilung alles andere als einfach sei, stellte Prof. Lim Changho gleich zu Beginn klar. Auch die deutsche Wiedervereinigung sehe er keineswegs durch eine rosarote Brille. Sie sei bis heute nicht vollständig abgeschlossen. Dennoch könne man sich in seiner Heimat auch jetzt schon viele Leistungen, die von der deutschen Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik erbracht wurden und werden, zum Vorbild nehmen.

Auch Prof. Konzendorf, der Soziologie, Politikwissenschaft und Stadtplanung an der Universität Düsseldorf studierte und u. a. zum Gesundheitsverhalten in Ost- und Westdeutschland forschte, sei erst zu einem späteren Zeitpunkt klargeworden, wie bedeutend die Aufgabe des Zusammenwachsens zweier Gesellschaften ist. Er stellte die Frage, warum auch nach mehr als drei Jahrzehnten seit der deutschen Wiedervereinigung noch immer so viele mentale und gesellschaftliche Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen bestünden.

Prof. Chang-Gusko erläuterte, warum eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas für viele Menschen in Südkorea weiterhin Zukunftsmusik sei. Südkorea lebe seit Jahrzehnten in einem „gefühlt ewigen Aufschwung“, in dem sich die meisten Bürger:innen im Alltag hauptsächlich mit ihren Karrieren und Familien beschäftigen. Erst ab einem höheren Alter, werde die Frage nach einem vereinten Staat relevant. Entsprechend vielfältig sei die Rezeption des Themas in der Bevölkerung.

Obwohl in Südkorea ein Ministerium für Wiedervereinigung gegründet wurde, bestimme immer die Haltung der jeweiligen Regierung, wie offensiv das Thema verfolgt wurde und wird – mal setze Seoul auf Dialog und Zusammenarbeit, mal auf Sanktionen und politischen Druck gegenüber Nordkorea. Aktuell habe die Wiedervereinigung nicht die höchste Priorität, sagte Frau Prof. Chang-Gusko.

Einigkeit herrschte auf dem Podium darüber, dass die Politik eine entscheidende Rolle spielt. Prof. Konzendorf kritisierte rückblickend die politischen Versprechen, die im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gemacht worden seien. Eine Wiedervereinigung müsse realistisch vorbereitet und „step by step“ gestaltet werden.

Prof. Lim Changho erinnerte jedoch daran, dass die Friedliche Revolution in Deutschland letztlich sehr schnell verlaufen sei und die Entwicklung teils chaotisch wurde. Auf ein solches Szenario müsse sich Südkorea politisch und gesellschaftlich vorbereiten. Unabhängig davon, auf welchem Weg eine mögliche Wiedervereinigung zustande komme, sei vor allem eines entscheidend: Offenheit auf allen Seiten.

Das Junge Zukunftszentrum hatte für die beiden jugendlichen Gäste der Delegation am Folgetag einen besonderen Spaziergang vorbereitet: Die jungen Menschen zeigten ihnen ihre persönlichen Lieblingsorte in der Stadt und luden sie anschließend zum Eis ein.