Hoffnung Ost – Ein Gespräch mit zwei Mitgestaltern des WIR-Festivals
Am 4. November 2025 war das Zukunftszentrum während des WIR-Festivals zu Gast am Institut für Politikwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Unter dem Titel „Hoffnung Ost“ lag der Fokus an diesem Abend auf positiven Zukunftsperspektiven für Ostdeutschland.
Dr. Sarah Alberti im Gespräch mit den beiden Initiatoren Björn Fiebelkorn und Jan Niklas Reiche über die politische Dimension der Hoffnung, das Bündnis #NORDHAUSENZUSAMMEN und Wünsche für die Zukunft.
?—·→! Wenn öffentlich über den Osten gesprochen wird, dann meist über negative Entwicklungen und Aspekte. Mit „Hoffnung Ost“ hat das Institut für Politikwissenschaft nun einen ganz anderen Fokus gewählt. Wie kam diese Veranstaltung zustande?
Jan Niklas Reiche: Das hat eine längere Vorgeschichte. Mir ist aufgefallen, dass das Thema Ostdeutschland nicht nur in der Öffentlichkeit diskutiert wird, sondern auch in unseren Seminaren an der Universität immer wieder aufkam. Die Diskurse sind oft negativ konnotiert: schmerzhafte Wendeerfahrungen, ökonomische Schwierigkeiten oder die geringe Demokratiezufriedenheit im Vergleich zu Westdeutschland. In Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt wollten wir etwas Produktives zum Thema beitragen. Wir haben uns daher zusammengefunden, um zur Abwechslung positiv über den Osten zu sprechen.
Björn Fiebelkorn: Unsere Veranstaltung „Hoffnung Ost“ stellte die genannten Herausforderungen nicht in Frage, sondern legte den Fokus auf hoffnungsvolle Entwicklungen und positive Zukunftsperspektiven, die ebenfalls erzählenswert sind. Wir haben dafür unsere beiden Forschungsschwerpunkte kombiniert: Jan Niklas beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Zivilgesellschaft und Demokratiearbeit im ländlichen Raum Ostdeutschlands, ich promoviere zu Hoffnung und Klimadiskurs. Bestimmte Dynamiken lassen sich auf den Osten übertragen.
?—·→! Haben Sie ein Beispiel?
Björn Fiebelkorn: Im Klimadiskurs wird deutlich, dass Hoffnungserzählungen entstehen können, die ganz stark durch die Zivilgesellschaft geprägt sind. Kommunale Initiativen, Vereine und lokale Projekte gehen diese Herausforderungen an – sei es im Bereich der Klimabewegung oder bei Fragen zur Gestaltung Ostdeutschlands.
?—·→! Die Kombination aus politischer Hoffnung und Ostdeutschland ist auf große Resonanz gestoßen, an dem Abend war der Hörsaal mit über 100 Menschen überfüllt. Hoffnung ist ein eher ungewöhnlicher Begriff in der Wissenschaft. Was macht diesen Begriff so fruchtbar für die Diskussion?
Björn Fiebelkorn: So ungewöhnlich ist er gar nicht. Gerade hier in Mitteldeutschland sind wir an der Uni von der Hoffnungsforschung von Ernst Bloch geprägt, der von 1949 bis 1957 Professor für Philosophie an der Universität Leipzig war. In seinem komplexen Werk „Das Prinzip Hoffnung“ steckt eine starke Aktualität. Manche Textpassagen könnte man direkt in die heutige Zeit übersetzen. Ich verbinde den Begriff Hoffnung mit einer Handlungsdimension: Hoffnung bedeutet nicht, einfach nur dazusitzen und optimistisch zu sein, dass sich die Dinge bessern, sondern dahingehend aktiv zu handeln. In der Alltagssprache werden Hoffnung und Optimismus jedoch oft gleichgesetzt. Aber Optimisten kommen nicht ins Handeln. Hoffnung bedeutet für mich: Hoffen wider aller Bedingungen. Deshalb ist Hoffnung nicht naiv oder unrealistisch, im Gegenteil. In der Hoffnung liegen politische Potenziale. Aber die werden nicht wahrgenommen, weil die Zukunft zu wenig als gestaltbar anerkannt wird, auch von der Wissenschaft.
?—·→! Herr Reiche, exemplarisch haben Sie an dem Abend ein zivilgesellschaftliches Bündnis in der Kreisstadt Nordhausen vorgestellt, das zeigt: hoffnungsvolle Entwicklungen sind auch unter schwierigen Bedingungen möglich. Was zeichnet den Ort aus und warum hat sich das Bündnis zusammengefunden?
Jan Niklas Reiche: Nordhausen ist eine Kreisstadt in Thüringen mit etwa 40.000 Einwohner*innen. Sie ist umgeben von Dörfern, die nächsten Großstädte sind je über eine Stunde entfernt. Ländliche Räume wie dieser standen in den letzten Jahren stark im Fokus der medialen Berichterstattung, weil Demokratiezufriedenheit und Institutionsvertrauen auf dem Land häufig geringer ausgeprägt sind. Dennoch entstand im Jahr 2023 sehr überraschend das zivilgesellschaftliche Bündnis #NORDHAUSENZUSAMMEN – ein Moment der Hoffnung. Ausgangspunkt war die Oberbürgermeisterwahl in der Stadt. Neben dem parteilosen Amtsinhaber, der wieder antrat, wurden einem Kandidaten der AfD besonders starke Chancen zugerechnet. Dieser hat im Wahlkampf mit rechtsextremen Narrativen kokettiert und geschichtsrevisionistische Aussagen getätigt. Dennoch prägte er den Wahlkampf zunächst maßgeblich und errang auch in der ersten Runde der Wahl mit 42,1 Prozent einen klaren Sieg gegenüber dem Amtsinhaber mit 23,7 Prozent. Die Zivilgesellschaft stand dieser Entwicklung zunächst weitgehend ratlos gegenüber. Jens-Christian Wagner, Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Stiftungsdirektor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sprach sogar von einer Schockstarre, die die lokale Zivilgesellschaft erfasst hatte.
?—·→! Wie hat sich die Zivilgesellschaft aus dieser „Schockstarre“ befreit?
Jan Niklas Reiche: Es kam zu einem „Hoffnung-trotz-Moment“. In Nordhausen haben sich Akteure aus den verschiedensten Bereichen zusammengesetzt, um für demokratische Werte einzustehen: Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora spielte eine wichtige Rolle, auch als moralische Instanz. Aber auch die Theaterszene spielte mit rein und der Verein „schrankenlos“, der unter anderem in der solidarischen Flüchtlingsarbeit aktiv ist, zudem die Hochschule Nordhausen, sowie die Kirchen und Gewerkschaften. Die Verbindung dieser verschiedenen Akteure ist das Besondere: In wissenschaftlichen Arbeiten wird meist zwischen bindenden und brückenbildenden Strukturen unterschieden. Während bindende Strukturen vor allem Menschen mit ähnlichen Merkmalen und Interessenlagen zusammenbringt, ermöglichen brückenbildende Strukturen die Verbindung von verschiedensten Perspektiven. Im Nordhäuser Fall ist ein solcher Brückenschlag gelungen, der nachweislich lokale politische Kultur und demokratische Strukturen stärkt.
?—·→! Was hat das Bündnis konkret gemacht, um die Oberbürgermeisterwahl zu beeinflussen?
Jan Niklas Reiche: Das Bündnis ist mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gegangen, in der es für demokratische Werte eingetreten ist. Es gab für alle Bürger*innen die Möglichkeit, diese zu unterschreiben. Das war ein Mobilisierungsmoment. Internationale Überlebendenverbände des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora haben sich öffentlich positioniert. Zentral war die Organisation eines Demokratiefestes, das kurz vor dem zweiten Wahlgang stattfand. Damit wurde auf dem Marktplatz noch einmal betont, dass es in Nordhausen eine demokratische Mehrheit gibt. Das hat offenbar etwas gebracht: Die Wahlbeteiligung hatte sich um 3 Prozent erhöht, was für eine Kommunalwahl sehr ungewöhnlich ist. Der parteilose Amtsinhaber steigerte sein Ergebnis im zweiten Wahlgang um etwa 30 Prozent, während der Kandidat der AfD lediglich 3 Prozent hinzugewinnen konnte.
?—·→! Ein Zusammenschluss zur Demokratiestärkung. Das klingt ja fast zu einfach. Warum hat das in Nordhausen geklappt? Was können andere Initiativen davon lernen?
Jan Niklas Reiche: Es gab in Nordhausen schon einmal ein Bündnis gegen Rechts, das sich in den 2000er-Jahren gegründet hat. Hintergrund waren hier vor allem regelmäßige Aufmärsche von rechtsextremen Gruppierungen, die die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu instrumentalisieren suchten. Das Bündnis verlor zwar in den 2010ern an Präsenz, aber die alten Verbindungen konnten für #NORDHAUSENZUSAMMEN nutzbar gemacht werden. Außerdem haben zentrale Treffpunkte zum Erfolg des Bündnisses beigetragen, so etwa das WeltladenCafé des Vereins „schrankenlos“. Das Bündnis ist bis heute aktiv – Demokratiefeste und Aktionen haben sich verstetigt. So findet am 7. Dezember 2025 #WEIHNACHTENZUSAMMEN statt, mit Musik, internationalem Essen und kreativen Mitmachständen. Aber natürlich hat auch das Bündnis Schwierigkeiten, kontinuierlich weiterzuarbeiten. Die ehrenamtlichen Strukturen stehen unter Druck.
?—·→! Herr Fiebelkorn, Sie sind in Wilhelmshaven geboren und aufgewachsen und haben in Halle Politikwissenschaft und Soziologie studiert. Wie blicken Sie auf den Osten?
Björn Fiebelkorn: Ich nehme den Osten als stärker politisiert wahr als den Westen. Als ich 2016 hier angekommen bin, habe ich sofort das Label „Wessi“ bekommen. Das mag aufgrund der Vergangenheit verständlich sein, dort darf es aber nicht stehen bleiben. Mich interessieren vor allem die Parallelen und die gravierenden Unterschiede zwischen Ost und West: Wilhelmshaven etwa ist auch eher strukturschwach. Mich interessiert: Wo stehen wir vor gemeinsamen Herausforderungen und was ist nicht einfach übertragbar? Gespräche um und über den Osten sind daher aktueller denn je und treiben offensichtlich auch die Studierenden um. Im Osten zu studieren war für mich eine bewusste politische Entscheidung. Das bringt die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen mit sich. Das Sprechen über die Vergangenheit und Gegenwart, über Gemeinsamkeit und Unterschiede mit Ostdeutschen, sowohl an der Universität wie im Privaten, haben mir immer Hoffnung gemacht. Genau einen solchen Gesprächsraum wollten wir mit der Veranstaltung schaffen.
?—·→! Im Anschluss an Ihre beiden Impulsvorträge war das Publikum eingeladen, eigene Perspektiven auf die Entwicklung und Zukunft des Ostens zu teilen und zu diskutieren. Sie haben dafür zwei Fragen gestellt: „Welche Entwicklung, welches Ereignis oder welche Erfahrung im Osten hat Ihnen Hoffnung gemacht? Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Ostens?“ Die Antworten wurden auf Zetteln notiert. Können Sie Tendenzen ausmachen?
Björn Fiebelkorn: Die erste Auswertung hat ergeben, dass es den Wunsch eines Austauschs über Erfahrungen aus der Gegenwart und die Perspektive auf die Zukunft gibt. Viele wünschen sich zudem mehr Repräsentanz von Ostdeutschen in Führungspositionen. Ebenfalls ist von Sichtbarkeit, Anerkennung und Wertschätzung die Rede, die sich für die Zukunft gewünscht und auch von den Medien gefordert wird.
Jan Niklas Reiche: Es ging meist um kollektive Hoffnungserlebnisse wie Christopher Street Days, besonders an kleineren Orten, oder Demos, etwa Anfang 2024 als Reaktion auf die Correctiv-Recherchen, wo allein in Halle 20.000 Menschen auf der Straße waren. Einen weiteren Aspekt haben wir als „ostdeutsches Selbstbewusstsein“ bezeichnet. Hier ist die Rede von anhaltender Widerspenstigkeit, dem Selbstbewusstsein ostdeutscher Frauen oder dem Gefühl, dass ostdeutsche Erzählungen und Erlebnisse langsam mehr Gehör finden würden.
Björn Fiebelkorn: Andere haben hervorgehoben, dass sich in ihrem Berufsfeld viele für Diversität aussprechen. Oft genannt wurden Universitäten als Ort der Demokratie, die durch die Studierenden in die Orte hineinwirken. Das zeigt auch nochmal, dass Hoffnungsvorstellungen nicht nur privat und individuell sind, sondern ganz stark durch soziale Institutionen verstärkt werden.
Jan Niklas Reiche: Einige nannten auch 1989/1990, die Wendezeit und den Runden Tisch. Das waren Hoffnungserfahrungen, an die die Menschen offenbar auch heute noch anknüpfen wollen. Auch das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation wurde erwähnt. Allein die Standortentscheidung für Halle geht mit der Hoffnung und konkreten Vorstellungen einher, dass da etwas genuin Neues entstehen kann und ostdeutsche Themen in einem anderen Rahmen diskutiert werden können.
Björn Fiebelkorn: Im Zukunftszentrum könnten die Hoffnungsvorstellungen verschiedener Generationen ihren Ort finden.
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Jan Niklas Reiche (*2002) ist in Nordhausen aufgewachsen und engagierte sich dort während der Schulzeit auch zivilgesellschaftlich. Derzeit studiert er im Master Parlamentsfragen und Zivilgesellschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und forscht dort schwerpunktmäßig zu Zivilgesellschaft und Demokratiearbeit im ländlichen Raum Ostdeutschlands.
Björn Fiebelkorn (*1997) studierte an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg Politikwissenschaft und Soziologie. Seit 2024 ist er dort Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systemanalyse und Vergleichende Politikwissenschaft. In seinem Promotionsvorhaben widmet er sich dem Thema der Politischen Hoffnung im Kontext von Klimawandel, Demokratie und Transformation.
Das WIR-Festival
Das WIR-Festival ist ein literarisches Gemeinschaftsfest in Halle, das vom 7. bis 9. November 2025 stattfand. Es feierte Literatur in ihrer vielfältigsten Form – gelesen, gehört, gesungen, gespielt, getanzt und vieles mehr. Das Festival lud Menschen jeden Alters und jeder Herkunft ein, gemeinsam Veranstaltungen und Aktionen zu gestalten. Im Mittelpunkt stand Literatur, die verbindet statt ausgrenzt, die hinterfragt und aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Das Festival verstand sich als offene Plattform für Privatpersonen, Vereine, Initiativen und Institutionen. Ziel war es, durch Begegnungen Gemeinschaft zu stärken, von der Vergangenheit zu lernen und gemeinsam Zukunft zu gestalten.